Die Schüttorfer Handdruckspritze von 1789

 

Die Ortsfeuerwehr Schüttorf (Niedersachsen, Kreis Grafschaft Bentheim) ist im Besitz einer funktionsfähigen Handdruckspritze aus dem Jahr 1789. Sie zählt heute zu den ältesten noch vorhandenen Handdruckspritzen in Norddeutschland. Die ehemals älteste vorhandene Handdruckspritze der Provinz Hannover aus dem Jahre 1709 gehörte der Feuerwehr aus der Nachbarstadt Nordhorn. Diese wurde leider im ersten Weltkrieg zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Dieses Schicksal teilten viele Handdruckspritzen und Kirchenglocken im ersten wie im zweiten Weltkrieg.



Die Schüttorfer Handdruckspritze von 1789 an ihrem 200. Geburtstag.
Foto: Feuerwehr Schüttorf

Zur Zeit ist sie im Feuerwehrhaus der Ortsfeuerwehr Schüttorf untergebracht. Zwischen den tonnenschweren, allradgetriebenen, modernen Löschfahrzeugen wirkt sie zwar ein wenig mickrig, wäre aber auch heute noch in der Lage, etwa den Brand eines kleinen Holzschuppens zu löschen.

Daß in alter Zeit die Brandgefahr in Schüttorf ungemein groß war, hatte seine guten Gründe. Die Häuser bestanden aus Fachwerk, lagen eng beieinander waren mit Stroh- bzw. Holzziegeln und Strohdocken bedacht und der Dachfirst mit Holzziegeln und Heidekraut belegt. In jedem Haus gab es offenes Herdfeuer und Beleuchtung mit Öllampen.

Immer wieder wurden auch ganze Stadtteile ein Raub der Flammen. So brannte 1703, als durch einen Blitz der Kirchturm entzündet wurde, der größte Teil der Stadt in südlicher Richtung ab. 1608 geschah dasselbe mit dem Nordviertel der Stadt. Der "Plundermelkshoek" und die 1607 neu erbaute lateinische Schule (heute Standort der Kreissparkasse) wurden durch diese Feuersbrunst zerstört. In der daraufhin neu errichteten Schule (heutige Kirchschule) wurde eine Sandsteinplatte eingemauert mit folgender Inschrift in deutscher Übersetzung:

Gebaut für fromme Studien ist diese Schule Jehova geweiht in der Stadt,

wo eine Feuersbrunst hundert Dächer verschlungen hat.

daher, Sohn Gottes, bewahre Stadt und Gymnasium,

damit von dort Dir erwachse eine große Schar heiliger Leute.

Die Entstehung des Schüttorfer Feuerlöschwesens liegt in den Anfängen des 18. Jahrhunderts. Im Jahre 1712 wurde die erste Brandspritze angeschafft. Über diese gibt es leider überhaupt keine Unterlagen. 25 Jahre später schien diese jedoch nicht mehr zu funktionieren. 1737 sollte auf Beschluß des Schüttorfer Magistrats eine neue Brandspritze zum Preis von 160 Reichstalern angeschafft werden. Um diese Ausgabe bestreiten zu können, mußte die freiwillige Hilfe der Bürger in Anspruch genommen und in der Stadt gesammelt werden. Insgesamt wurden 121 Taler und 25 Stüber gesammelt. Es fehlten also 38 Reichsthaler und 25 Stüber, welcher Betrag aus der Stadtkasse entrichtet werden mußte, um in November 1737 die Brandspritze kaufen zu können. Mehr als drei Viertel der Kosten hatten die Schüttorfer Bürger freiwillig übernommen. Das genaue Datum der Anschaffung ist leider nicht mehr nachvollziehbar.

Der erste Bericht über diese Handdruckspritze im Einsatz stammt aus dem Jahr 1754.

Am 24. Mai (Himmelfahrt) hatte im Nachbardorf Ohne ein kleiner Junge versucht, ein Raupennest in einem Apfelbaum nahe einer Torfscheune zu verbrennen. Dabei ging zuerst die Torfscheune und anschließend 30 Häuser sowie das Dach und der Turm der Kirche in Flammen auf. Mit Hilfe der Schüttorfer Handdruckspritze konnten ein Kornspeicher und die Kirchenorgel vor den Flammen bewahrt werden

Soweit die Geschichte der ersten Handdruckspritze in Schüttorf. Leider ist bis jetzt nicht bekannt, wo diese Handdruckspritze geblieben ist, im Gegensatz zu der Handdruckspritze von 1789:

Pastor Mauritz Philip Katerberg, der sich in seiner Schüttorfer Amtszeit von 1755 bis 1815 in Kirchenkreisen auch überregional einen großen Namen machte, schenkte 1789 der Stadt Schüttorf die heute noch vorhandene, voll funktionsfähige Handdruckspritze. Vermutlich hatte er erkannt, daß dieses Gerät bei den damals sehr häufigen Großbränden große Vorteile brachte. Nun hatte man zwei "Brandspeuten".

Auf einem Vierradfahrgestell mit Drehschemel ist ein kupferner wannenförmiger Behälter von etwa 500 l Fassungsvermögen befestigt. In diesem Behälter befinden sich zwei Kolbenpumpen. Diese sind druckseitig mit jeweils einem geschlossenen Behälter von etwa 30 Liter Fassungsvermögen, dem Windkessel (Druckspeicher) verbunden.
Es gibt nur wenige Handdruckspritzen, bei denen der Windkessel direkt am Pumpengehäuse angebracht ist. Bei den meisten Exemplaren sitzt dieser über den Pumpenkolben außerhalb des Wasserbehälters.

Die Bewegung der Pumpenkolben erfolgt über den eisernen Druckbaum, der auf dem Pumpengehäuse befestigt ist.
In den Druckbaum werden zwei hölzerne Lanzen, die sogenannten Druckstangen eingeschoben. So können an jeder Seite vier bis sechs Personen durch auf und nieder bewegen der Druckstangen die Pumpe bedienen. Pro Hub werden etwa 2,5 Liter Wasser in den Druckspeicher gepumpt. Dabei verdichtet sich die Luft und im Behälter baut sich Druck auf. So wird das Wasser nicht hubweise, sondern gleichmäßig in die beiden Druckanschlüsse an den Behälterseiten geleitet. Hier werden die kupfernen Strahlrohre mit Hanfschläuchen angeschlossen.


Das Pumpengehäuse mit den beiden Windkesseln.
Foto: R. Harmsen

Die Handdruckspritze besteht leider nicht mehr in ihrem Originalzustand. Da sie im zweiten Weltkrieg noch als Einsatzreserve im gebraucht wurde, sind einige Änderungen vorgenommen worden. Das kupferne Pumpengehäuse ist im Laufe der Zeit mehrmals repariert worden und dabei leider einmal sehr unfachmännisch mit Rostschutzfarbe gestrichen worden. Auch der kupferne Wasserbehälter ist irgendwann mal lackiert worden. Da eine originale Wiederherstellung beider Teile sehr aufwendig wäre, haben wir dieses bis heute noch nicht in Angriff genommen. Auch die ehemals hölzerne Vorderachse ist gegen eine aus Eisen ersetzt worden. Ein alter "Requisitenkasten" mußte einem schlichten Gerätekasten aus Rauhspund weichen. Zu guter letzt wurden noch zwei C - Kupplungsstücke an die Schlauchabgänge geschraubt, was aber an vielen anderen Exemplaren auch der Fall ist.


Nicht mehr ganz original, aber immer noch schön: Die Handdruckspritze von 1789.
Foto: R. Harmsen

Die Pumpe ist nicht in der Lage, selbständig anzusaugen. Das Wasser wurde mit Ledereimern, die in jedem Haus vorhanden sein mußten, über lange Eimerketten aus den vorhanden Brunnen oder offenen Gewässern herangeschafft.

Fahrgestell und Hebelarme sind 220 cm lang und 135 cm breit. Mit der Zugdeichsel wird eine Gesamtlänge von über 5 m erreicht. Bei eingeschraubten Druckstangen beträgt die Breite 2,8 m. Dieses schwerfällige Gerät von über 700 kg bei gefülltem Behälter mußte seinerzeit von Hand über schlechteste Wegstrecken gezogen werden. Die robuste Bauweise und saubere Verarbeitung dürfte die Nachbarstadt Nordhorn veranlaßt haben, ein Jahr später eine ähnliche Brandspritze in Gütersloh zu bestellen.

Nun konnte das Feuer wesentlich effektiver bekämpft werden, als mit Eimern. Diese wurden allerdings immer noch gebraucht, um den Wasserbehälter aufzufüllen. Jedoch durch den mit Muskelkraft erzeugten Druck konnte das Wasser nun gezielt über zwei Strahlrohre bis zu einer Höhe von etwa 15 Metern abgegeben werden. Es waren 12 bis 16 Personen erforderlich, um allein die Pumpe zu bedienen. Dazu kamen noch unzählige Bürger, die unermüdlich mit Eimern Wasser heranschafften.

Eine lateinische Inschrift an der Pumpe zeigt den Dank der Schüttorfer Bevölkerung an Ihren Pastor:


Übersetzung:
Der hochwürdige Doktor Mauritz Philipp Katerberg, Abgeordneter des Oberkonsistoriums der Grafschaft Bentheim und ältester Pastor in Schüttorf hat sie geschenkt; welchem größten Dank abstattet der Senat und das Volk zu Schüttorf 1789
Foto: R. Harmsen

Untergestellt wurden die beiden Spritzen auf der Rathausdiele und im Kirchturm. Von hier aus ging es dann zu den zahlreichen Feuern, unter anderem 5 Kirchturmbrände und die großen Stadtbrände von 1834 und 1891.

1835 erhielt Schüttorf eine weitere Handdruckspritze. Über diese Spritze ist leider nicht viel bekannt.

1885 wurde durch einen Großbrand die Spinnerei der Firma Schlikker eingeäschert. Auch mit den damals drei vorhandenen Handdruckspritzen konnte hier nichts gegen das Feuer ausgerichtet werden. Hier wurde zum ersten Mal über die Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr beraten. Dieses wurde jedoch aus finanziellen Gründen zurückgestellt.

Mittlerweile hatte man einen sogenannten "Söger" (Saug- und Druckpumpe) angeschafft. Diese Pumpe war in der Lage, Wasser aus offenen Gewässern selbständig anzusaugen und weiterzubefördern. Dadurch konnte man sich lange Eimerketten ersparen. Der Söger pumpte das Wasser in die Tanks der Handdruckspritzen, von hier aus wurde dann das Wasser mit Druck in Richtung Feuer gepumpt.

1910 kaufte die Stadt ein altes Wohnhaus. Das Haus wurde zum Spritzenhaus umgebaut. Endlich hatten die Handdruckspritzen einen standesgemäßen Abstellplatz. Doch schon 1929 war das Gebäude so baufällig, daß es abgerissen wurde und die Straße verbreitert werden konnte.

Man hatte rechtzeitig zur Gründung der Freiwilligen Feuerwehr im gleichen Jahr das neue Feuerwehrhaus in der Geiststraße fertiggestellt (heute "Schüttorfer Loch"). Dieses wurde 1953 erweitert und 1987 abgerissen.

In den zwanziger Jahren hatte Schüttorf eine zentrale Wasserleitung erhalten. So hatte man an vielen Stellen in der Stadt bereits Hydranten. Die Freiwillige Feuerwehr Schüttorf wurde 1929 gegründet und die 200 Mann starke Pflichtfeuerwehr aufgelöst. Bereits 1931 wurde die erste Motorspritze angeschafft. Die Handdruckspritzen wurden immer seltener gebraucht. Eine wurde verkauft, zwei weitere vermutlich im Krieg zu Rüstungszwecken verschrottet.
Die Feuerwehr erhielt jetzt große Löschfahrzeuge und die Anhängeleiter von 1935.

Auch diese ist heute noch funktionstüchtig erhalten und war nach ihrer Ausmusterung 1974 noch lange in Diensten der Stadtwerke; zur Zeit ist sie in einer Scheune untergebracht.

Im zweiten Weltkrieg übte dann die Damenfeuerwehr mit den Handdruckspritzen. Die alte Pumpe von 1789 war nun mehr als 150 Jahre im Dienst gewesen. Da sie dann aber allmählich aufgrund der vielen Hydranten und der zunehmenden Motorisierung der Feuerwehr ausgedient hatte, blieb sie noch eine Zeit lang im Feuerwehrhaus in der Geiststraße stehen. Doch diesen Platz mußte sie bald räumen.

Fecit Mstr. Pet. Nic. Lohmeier, Gütersloh, 1789 (Hersteller der Handdruckspritze)
Foto: R. Harmsen

So wurde die letzte noch vorhandene Handdruckspritze an wechselnden Orten abgestellt, zuletzt in einem Holzschuppen.

Dieser ist im Sommer 1992 nach Brandstiftung abgebrannt, doch glücklicherweise stand die Pumpe zu diesem Zeitpunkt im Feuerwehrhaus, sonst wäre sie ein Raub der Flammen geworden. Der Schuppen wurde nicht wieder aufgebaut.

 Doch die jahrelange schlechte Unterkunft machte unserem guten Stück doch arg zu schaffen. 1985 wurde sie dann zu historischen Festumzügen der Ortsfeuerwehren Gildehaus und Nordhorn von Grund auf überholt und repariert. Dichtungen wurden erneuert, Lager gefettet und die Holzspeichenräder erhielten eine neue Stahlumreifung. Ein neuer Anstrich verhalf dem alten Schätzchen wieder zu einem tadellosen Aussehen.

Ein Höhepunkt war 1989 die Feier zum sechzigjährigen Bestehen der Ortsfeuerwehr Schüttorf. Gleichzeitig wurde hier der zweihundertste Geburtstag der alten Handdruckspritze gefeiert, die natürlich im Mittelpunkt der Feierlichkeiten stand.
Der Glanzauftritt war jedoch sicherlich beim Festumzug anläßlich der 700-Jahr-Feier der Stadt Schüttorf im Sommer 1995.
15 Feuerwehrleute hatten sich altertümlich verkleidet. Bäcker, Schuhmacher, Schmiede und Bauern zogen unter dem Kommando eines Pastoren das wohl älteste Gefährt des Umzuges durch die Straßen von Schüttorf.
Hier und da wurde zunächst ein vermeintliches Feuer mit Muskelkraft gelöscht, anschließend gab es dann zur Stärkung aus dem Gerätekasten einen "Schümerschen Kloaren".

Viele Schüttorfer Bürger waren erstaunt, daß wir diesen Zeugen der Vergangenheit so gut in Schuß gehalten haben. Einige fragten sogar, ob wir uns die Spritze im Feuerwehrmuseum ausgeliehen hätten.