Eine Reise in die Vergangenheit
Tag des Denkmals in Europa. Überall öffnen historische
Bauwerke, die man sonst zwecks Besichtigung nicht betreten darf, ihre Pforten.
Auch in Paris. Wir fahren mit der Métro Richtung Mairie d'Ivry.
Zwischenstopp
an der Station Porte d'Ivry. Hier stehen, frei zur Besichtigung, historische
Métrozüge, zum Teil aus der allerersten Stunde dieser Pariser Institution.
Faszinierend, diese traumhaft schönen, hölzernen und auf Hochglanz polierten
Wagen. Doch schnell weiter zur Mairie d'Ivry. Hier wartet ein ganz besonderes
Abenteuer auf uns. Eine Fahrt in einer Métro aus dem Jahre 1930. Original und
echt! Irgendwie hat sich das nicht so rumgesprochen und der Bahnhof ist nicht
gerade überfüllt. Wir steigen ein und machen es uns auf einer Holzbank
gemütlich. Ich denke an Lothar Günther Buchheim, der in seinen Büchern immer
wieder solche Fahrten liebevoll beschreibt und mit grosser Trauer an das Paris
der alten Zeit zurück denkt. Sitze ich vielleicht genau auf einem Platz, auf dem
er, ebenso wie ich gerade, seinen Gedanken nachhing?
Die Fahrt beginnt. Vor jeder Tür postiert sich ein
Mitglied des Vereines der Métroliebhaber, die diese historischen Züge hegen und
pflegen. Einerseits steht er für Fragen aller Art zur Verfügung, andererseits
bewacht er die Tür, denn eine Sicherheitsverriegelung während der Fahrt gab es
damals noch nicht. Die Métro rattert und quietscht. Kommt uns eine Métro auf dem
anderen Gleis entgegen, dann wird mit lautem Pfiff gegrüsst.
Wir
beschäftigen uns zwischen den Stationen mit einer Aufschrift, die überall im
Wagen zu lesen ist: "Défense de fumer et de cracher!" Der erste Teil ist klar.
Aber was bedeutet cracher? Wir spekulieren wild vor uns hin. Cracher = krachen =
furzen? Sollten die Métros in alten Zeiten rollende Methangasbomben gewesen
sein? Ein Blick in das Wörterbuch beruhigt und lässt gleichzeitig ein wenig
schaudern. Cracher heisst spucken. Bon! Gefurzt wurde also nicht. Aber wenn man
ausdrücklich ein Spuckverbot ausspricht, dann bedeutet das doch, dass die ollen
Pariser der Dreissiger rumgerotzt haben, wie die Lamas. Bäh! O tempora, o mores!
Diese Fahrt geht, ebenso wie alle anderen Métros der
Linie 7, nach La Courneuve. Und sie kann von allen Fahrgästen benutzt werden.
Doch in jeder Station immer das gleiche Bild. Die Métro rollt ein. Die Menschen
auf den Bahnsteigen erstarren mit offenen Mündern und treten ein paar Schritte
zurück.
Nur wenige trauen sich, animiert durch die Türsteher des Vereines, einzusteigen.
Ältere Pariser scheinen kurz vor einem Kollaps zu stehen. Mon Dieu! Was ist
passiert? Ein Zeitloch? Sind wir plötzlich wieder zurückgefallen in die Jahre
der Jugend? Doch bevor noch geklärt werden kann, was da vor sich geht, rattert
unsere Métro lustig weiter. An der Endstation steigen wir aus. Nach einem Kaffee
in einem Bistro geht es wieder zurück. Diesmal mit einer modernen Métro. Na gut!
Die Sitze sind weicher. Die Bahn rattert weit weniger und scheinbar ist sie auch
ein wenig schneller. Aber schöner war doch das gute alte Stück. Nächstes Jahr
werden wir wieder dabei sein. C'est sûr!
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